Aber man sagt doch, dass Hunde alles unter sich regeln würden...
Es ist immer wieder interessant, welche Weisheiten und Sprüche unter Hundehaltern seit ewigen Zeiten die Runde machen. Sehr hartnäckig behaupten viele Hundebesitzer bei Begegnungen mit Hunden,diesich nicht kennen,dassdie Hundes das schon untereinander regeln würden und nur klarstellen wollen, wer von den beiden der "Boss"sei. Mir persönlich fällt dabei auf, dass Leut, die so etwas behaupten, häufig Halter von großen, kräftigen Hunden sind.
Ein Chihuahua-Besitzer hält sich mit solchen Aussprüchen meist etwas bedeckter. Dafür aber nimmt er seinen Hund gerne mal bei einer Hundebegegnung auf den Arm, was aber auch nicht wirklich eine Lösung ist.
Hunde sind keine Diplomaten
Zurück zu den Haltern von kräftigen Hunden, die "alles unter sich regeln".
Diese Halter haben vollkommen Recht! Letztendlich lösen Hunde alle Probleme unter sich. Wenn diese Hunde aber keine "diplomatische" Lösung finden, kann es auch schon einmal zu einer Problemlösung kommen, die endgültig ist. Dann ist nicht einer der Hunde der Boss, dann ist einer nicht mehr da!
Aber bitte, liebe Hundehalter, keine Panik, es ist nur eine Möglichkeit, wie eine Hundebegegnung im schlimmsten Fall ablaufen könnte. In den meisten Fällen begegnen sich Hunde durchaus freundlich, aber man kann eben nicht die Behauptung aufstellen, dass Hunde alles friedlich unter sich regeln.
Hunde, die ihre Wurzeln in wildlebenden Raubtieren haben, sind eigentlich darauf bedacht, ohne großen Streit und ohne Kämpfe durchs Leben zu gehen. Ein Kampf kann zu Verletzungen führen, und diese können ein Tier so stark behindern, dass die Jagd, die Futterbeschaffung unmöglich würde und somit die Existenz bedroht wäre. Daher ist das Revier etwas sehr Wichtiges, was auch verteidigt wird. Meist geschieht diesaber über Körpersprache und optische Demonstration von Stärke.
Treffen in der freien Wildbahn z.B. fünf Wildhunde oder Wölfe auf einen fremden Artgenossen, wird der Fremde freiwillig den Rückzug antreten und den anderen über Körpersprache mitteilen, dass er keine Ansprüche auf das Revier erhebt. Vernünftiges, logisches Verhalten, der Fremde wird nicht getötet und kann das Revier verlassen. Die Tiere haben es unter sich geregelt. Aber wenn der Einzelne sich jetzt falsch verhalten hätte und vor der stärkeren Gruppe den "starken Max" gegeben hätte, dann hätte die Gruppe ihn als zusätzlichen Fresser im Revier auch komplett ausschalten können.
Nicht mehr so eng gesehen
Jetzt ist der Hund seit vielen Jahrtausenden vom Menschen zum Haustier geformt worden und sieht diese Revier- und Nahrungsgeschichten nicht mehr so eng wie z.B. ein Wolf. Zudem sind viele Hunde durch Zuchtauswahl und Anpassung an den menschlichen Lebensraum in ihrer natürlichen Kommunikation eingeschränkt und weitere, ursprüngliche Eigenschaften sind weniger stark ausgeprägt. Aber man darf nie vergessen, dass die Logik des Reviersystems immer noch im Hund steckt und Teil seines Erbes als Beutegreifer ist. Darum ist die Begegnung mit einem fremden Hund immer die Begegnung mit einem, der ins eigene Revier eindringt - oder man dringt in dessen Revier ein.
Bei der Begegnung kommt es jetzt darauf an, wie sich die einzelnen Hunde verhalten oder aufgrund ihrer Erziehung und Optik verhalten können. Sagt einer in vertändlicher "Hundesprache, "das ist mein Gebiet, ich werde dich nicht angreifen, wenn du sagst, dass du keine Ansprüche stellst" - und der andere verhält sich entsprechend demütig, dann wird es vermutlich keinen Streit geben. Wie gesagt, das Raubtier Hund ist darauf bedacht, Verletzungen zu vermeiden. Und die meisten Hunde können Kräfteverhältnisse auch gut einschätzen, und meist gibt einer nach. Auf den Arm genommene Chihuahuas überschätzen sich allerdings auch gerne einmal.
Gibt allerdings keiner der Hunde nach und beharrt jeder auf sienem Besitzanspruch des Reviers, dann kann es zum Kampf kommen, der auch ernst gemeint ist. Spätestens dann sollte jeder Hundehalter vehement eingreifen. Was in der Situation gar nicht hilft, ist eine Floskel wie
"aber man sagt doch, die regeln das schon selber..."
Der Autor
| Thomas Riepe ist Hundepsychologe und Autor von Fachbüchern zum Thema Caniden. Im Rahmen seiner hundepsychologischen Tätigkeit bildet er auch nach einer von ihm entwickelten Methode Hundepsychologen aus. Diese Methode beruht in erster Linie auf Kommunikation und Verständnis zwischen Mensch und Hund. |
| Bereits erschienene Bücher: |
| - Füchse - unsere heimlichen Nachbarn |
| - Wolf und Hund - Informationen rund um Wolf, Hund und andere Hundeartige |
| - Yellowstone, im Land der Wölfe und Kojoten - Ein Reisetagebuch |
| Info: Thomas Riepe erreichen Sie unter Tel.: +491729491766 oder über www.riepehunde.de |
| Quelle: Hundemagazin WUFF - 5/08 |