Wird ein Mensch von einem Hund gebissen oder gezwickt, hört man sehr häufig folgende Aussage: "Ich wollte ihn doch nur streicheln, da hat er aus heiterem Himmel zugebissen."
Nun, die Version mit dem heiteren Himmel trifft hier in den seltensten Fällen zu. Fragt man beim Hundehalter energisch nach, kommen immer mehr Details zum Vorschein, warum der Hund so reagiert hat. Um das zu verdeutlichen, möchte ich Ihnen ein kleines Beispiel geben.
Belästigung durch Fremde
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem schönen Sommertag draußen in einem Straßencafé, direkt an einer belebten Einkaufsstraße. Plötzlich kommt ein Mensch mit ausgestrecktem Arm auf Sie zu, wuschelt Ihr Haar kräftig durch und redet in einer Sprache, die Sie nicht kennen, unaufhörlich auf Sie ein. Wie reagieren Sie? Natürlich, Sie werden dem Menschen verbal mitteilen, dass er das zu unterlassen hat.
Aber der hört einfach nicht auf und wuschelt noch kräftiger an Ihnen herum. Sie erhöhen die Intensität Ihres verbalen Protests und stoßen den Menschen weg, als er immer noch nicht mit der Unverschämtheit aufhört.
Eine völlig normale Reaktion von Ihnen, und kein Mensch würde auf die Idee kommen, ihr Verhalten als falsch anzusehen. Nein, vielmehr würde das Verhalten des Menschen, der Sie belästigt und bedrängt hat, als falsch angesehen werden.
Und jetzt stellen Sie sich die gleiche Situation vor, nur ersetzen Sie sich selbst gedanklich durch einen Hund. Der sitzt oder liegt friedlich irgendwo, wahrscheinlich direkt neben seinem Besitzer. Auch er wird von einem Menschen mit ausgestrecktem Arm belästigt. Nun fühlt sich der Hund nicht nur belästigt, wahrscheinlich fühlt er sich auch bedroht. Aucher er versucht "verbal" oder körpersprachlich dem Fremden mitzuteilen, dass er diese Berührungen nicht möchte oder sich dadurch sogar bedroht fühlt. Er entblößt etwas seine Zähne, einfach um zu zeigen, das er sich wehren kann - er brummelt und knurrt, wird aber weiterhin vom Fremden belästigt. Irgendwann reicht es ihm, er schnappt kurz zu, als letztes Mittel, weil kein anderes Zeichen von ihm ernst genommen wurde. Praktisch die gleiche Situation und Reaktion, wie vorher bei der Situation unter Menschen. Nur jetzt hat niemand Verständnis für die Abwehr des Hundes.
Mehr Natürlichkeit und Wissen im Ungang
im Umgang mit Hunden gefragt
Die darin liegende Einstellung ist folgende: Ein Hund muss einfach "funktionieren", er muss sich menschliche Unverschämtheiten gefallen lassen, die sich ein Mensch von einem anderen Menschen oder auch von einem Hund nicht gefallen lassen würde. Und bevor einem Hund "der Kragen platzt", versuchzt er immer zu kommunizieren, wie vorher beschrieben. Er schnappt, zwickt oder beißt nicht zu, weil er böse ist, und er macht dies auch nicht grundlos "aus heiterem Himmel". Nein, er fühlt sich belästigt, bedrängt und bedroht. Darum wehrt er sich.
Das Problem ist, dass viele Menschen anscheinend immer mehr die natürliche Fähigkeit verlieren, andere Lebewesen zu verstehen. Darum ist es nach meiner persönlichen Meinung sehr wichtig, den Menschen wieder etwas von der Natürlichkeit im Umgang mit Hunden zu vermitteln. Diese Natürlichkeit und ein größeres Wissen über das Verhalten des Lebewesens Hund könnten sihcer mehr Beißunfälle verhindern als alle Rasselisten oder Hundeverordnungen zusammen.
Und wenn man dann genug über Hundeverhalten weiß, kann man sicher den ein oder anderen Hund streicheln, wenn diers angezeit hat, dass er sich nicht bedroht fühlt. Dann heißt es nicht, "Ich wollte ihn doch nur streicheln", sondern "Ich habe ihn gestreichelt ud er hat gar nicht zugebissen..."
Der Autor
| Thomas Riepe ist Hundepsychologe und Autor von Fachbüchern zum Thema Caniden. Im Rahmen seiner hundepsychologischen Tätigkeit bildet er auch nach einer von ihm entwickelten Methode Hundepsychologen aus. Diese Methode beruht in erster Linie auf Kommunikation und Verständnis zwischen Mensch und Hund. |
| Bereits erschienene Bücher: |
| - Füchse - unsere heimlichen Nachbarn |
| - Wolf und Hund - Informationen rund um Wolf, Hund und andere Hundeartige |
| - Yellowstone, im Land der Wölfe und Kojoten - Ein Reisetagebuch |
| Info: Thomas Riepe erreichen Sie unter Tel.: +491729491766 oder über www.riepehunde.de |
| Quelle: Hundemagazin WUFF - 10/08 |